Des Kaisers neue Kleider – frei nach H.C. Andersen

Es gab einmal viele, viele – zu viele –  Politiker, die ungeheuer viel auf sich hielten und alles dafür gaben, um die Vorzüge der Macht nicht zu verlieren.  Sie kümmerten sich nicht um das Volk, und mieden es soweit dies nur möglich war. Sie blieben unter ihresgleichen und für jedes Problem hatten sie eine faule Ausrede. Wollte man wissen, wer schuld an etwas sei, oder wollte man darauf hinweisen, dass etwas ungerecht war, so hieß es stets: „Es tut mir leid, aber das ist nicht mein Verantwortungsbereich.“

In dem großen Land, in dem sie lebten, ging es sehr munter zu; an jedem Tage kamen viele Fremde an. Eines Tages kamen auch zwei Betrüger; sie gaben sich als wohltätig aus und sagten, dass sie das schönste Zeug, das man sich denken könne, zu verabreichen verständen. Die Wirkung wäre nicht nur ungewöhnlich gehorsamsfördernd, sondern die, die es verpflichtend verabreichen würden, besäßen das Glück, unsagbar reich und mächtig zu werden. Die Konsumenten jedoch würden auf ewig von ihnen abhängig sein. Man müsste nur eine Pandemie ausrufen, die es zu bekämpfen gelte. „Das wäre ja prächtiges Zeug!“ dachten die Politiker, „wenn wir das verabreichen würden, könnten wir ja dahinter kommen, welche Bürger in unserem Reiche gehorsam sind und welche nicht! Wir könnten die Klugen von den Dummen unterscheiden! Und für immer an der Macht bleiben! Ja, die Pandemie muss sogleich ausgerufen werden!“ Und sie gaben den beiden Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen mögen.

Diese verkündeten sogleich eine Pandemie und zogen Fabriken hoch und taten, als ob sie es gut meinten; aber sie hatten nicht das geringste Interesse am Wohle des Menschen. Frischweg verlangten sie Haftungsfreiheit und das prächtigste Gold. Das steckten sie in ihre eigene Tasche und sie produzierten und verabreichten das Zeug bis spät in die Nacht hinein.

„Wir möchten doch wohl wissen, wie weit es mit der Wirkung des Zeugs ist!“, sprachen die Politiker. Doch es war ihnen ordentlich beklommen zu Mute, wenn sie daran dachten, dass die Klugen mehr als erwartet waren und hinter den Schwindel kommen könnten. Nun glaubten sie zwar, dass sie für sich selbst nichts zu fürchten brauchten, aber sie wollten doch erst andere  senden, um zu sehen, wie es damit stände. „Wir wollen unsere gehorsamen Beamten senden!“, einigten sich die Politiker. „Die können am besten beurteilen, wie das Zeug ankommt und sie sind treu ergeben, weil sie am Geldtropf hängen und keiner nimmt sich wichtiger als sie.“

Nun gingen die gehorsamen Beamten los, um die Wirkung zu prüfen. „Du liebe Güte!“ dachten sie und rissen die Augen auf, „das Zeug wird nicht von jedem genommen!“ Sie baten die Bürger gefälligst mehr zu vertrauen, und verkündeten, dass das Zeug umsonst sei  und es hier und da sogar eine Bratwurst oben drauf geben würde. Dann wiesen sie auf die angeblich gefährliche Pandemie und die Zahlen hin, die vorgaukelten, dass die Krankenhäuser nur deshalb überlastet seien. Aber noch immer wollten einige Bürger nichts von dem Zeug wissen. „Zum Donnerwetter!“ dachten die hörigen Beamten, „sollten sie tatsächlich nicht so dumm sein? Das hätten wir nicht gedacht, und das darf kein Mensch wissen! Nicht, dass man uns noch die Schuld daran gibt und uns unseren Beamtenstatus aberkennt! Nein, es geht nicht an, dass wir zulassen, dass man erzählt, das Zeug würde nicht helfen!“ Die Beamten passten gut auf, als sie den Politikern von der Wirkung des Zeugs erzählten. Die Schuld für noch vorhandenen Ungehorsam gaben sie natürlich den Bürgern selbst. Die Betrüger mittlerweile aber verlangten  mehr Geld, mehr Silber und mehr Gold, das sie zur Herstellung des Zeugs bräuchten. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen, am Wohle des Volkes waren sie nicht interessiert.

Die Politiker aber wurden nervös und schickten nun Lehrer und Ärzte in die Spur, um zu prüfen wie es denn um den Gehorsam des Volkes stünde. Diese verkündeten lauthals: „Ist das nicht ein hübsches Zeug? Ein Wundermittel, das einfach jeder nehmen muss!“ Doch noch immer gab es Bürger, die das alles nicht so recht glauben konnten, auch wenn es von Tag zu Tag weniger wurden, denn die Lehrer und Ärzte waren hervorragende Propagandisten.
Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem prächtigen Zeuge.

Nun wollten die Politiker es selbst sehen, wie das Volk sich hörig beugte.  Mit einer ganzen Schaar auserwählter Männer, Beamten, Lehrer und Ärzten, bewarben sie das Zeug von früh bis spät. Den Betrügern aber verliehen sie den Titel Weltretter.

Da das Zeug aber begann die Menschen krank zu machen und es immer noch welche gab, die sich weigerten es zu nehmen, wurde es den Politikern zunehmend Angst. So entrechteten sie die Widerspenstigen und verlangten, dass die Willigen sich immer mehr von dem Zeug verabreichen müssten.

Schließlich glaubten sich die Politiker am Gipfel der Macht und wollten dies dem Volke demonstrieren. „Ja!“ sagten alle Beamten, Lehrer und Ärzte dazu; aber innerlich zitterten sie vor Angst. „Ei, wie herrlich!“ sagten alle Minister. „Welch dummes Volk! Welche Idioten! Das ist ein köstliches Schauspiel!“

Die Staatsherren prozessierten als wären sie unantastbar und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: „Wie sind unsere Politiker unvergleichlich; wie sind sie um uns besorgt, wie schön es ist nicht selbst denken zu müssen!“ Keiner wollte es sich anmerken lassen, dass es gar keine Pandemie gab, denn dann hätte man ihn ja ausgegrenzt, verspottet und gedemütigt. Nein, das Zeug der zwei Betrüger hatte alle glücklich gemacht!

„Aber die lügen ja alle!“ sagte endlich ein kleines Kind. ‚Herr Gott, hört des Unschuldigen Stimme!“ sagte der Vater; und der Eine zischelte dem Anderen zu, was das Kind gesagt hatte.

„Aber die lügen ja alle!“ rief da zuletzt das ganze Volk. Da ergriff die Politiker große Furcht, denn es schien ihnen, sie hätten verloren; aber sie dachten bei sich: „Nun muss ich die Prozession zu Ende bringen.“

 Und wie es endete, darf sich jeder selber denken.

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